Österreichs Bauwirtschaft steht bei der Kreislaufwirtschaft noch ziemlich am Anfang. Das klingt angesichts der gewaltigen Mengen an Material fast höflich: Jährlich kommen rund 77 Millionen Tonnen Baustoffe in Gebäuden, Straßen und anderer Infrastruktur hinzu. Pro Einwohner ergibt das einen Baustoff-Rucksack von etwa 360 Tonnen – ungefähr so viel wie ein Airbus A380.

Gleichzeitig fallen jedes Jahr rund 49 Millionen Tonnen Bauabfälle an. Eine gemeinsame Studie der TU Wien und STRABAG untersucht deshalb Materialströme, Recycling, Re-Use und jene Stellschrauben, die kreislaufgerechtes Bauen in Österreich voranbringen könnten. Österreich will bis 2040 klimaneutral werden. Dafür muss sich die ressourcenintensive Bauwirtschaft grundlegend verändern – nicht nur auf dem Papier.

Viel Recycling, aber oft mit Qualitätsverlust

78 Prozent der Bau- und Abbruchabfälle werden stofflich verwertet. Das klingt zunächst ordentlich. Der Haken: Ein erheblicher Teil wird downgecycelt und nicht wieder gleichwertig eingesetzt. Von den Recyclinganlagen sind laut Studie lediglich 65 Prozent des Outputs uneingeschränkt nutzbar. Aus wertvollen Baustoffen wird dann etwa Material für eine Untergrundfüllung. Besser als Deponieren, sicher. Ein geschlossener Kreislauf ist es trotzdem nicht.

Hochwertigere Materialkreisläufe könnten Rohstoffe einsparen, CO₂-Emissionen reduzieren und den Druck auf die begrenzten Deponiekapazitäten verringern. Dafür braucht es modernere Recyclingtechnologien, verlässlichere Daten über die Zusammensetzung bestehender Materialien und angepasste rechtliche Rahmenbedingungen. Die Studie soll genau dafür Grundlagen schaffen: für neue Standards, passende Regeln und einen schnelleren Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft.

Das Materiallager in Österreichs Siedlungen und Infrastrukturen wächst weiter. In Gebäuden steckt also nicht bloß Beton, Holz, Stahl oder Ziegel, sondern auch ein künftiger Rohstoffvorrat. Nur weiß man oft nicht genau, was wo verbaut wurde. Informationslücken machen den späteren Rückbau unnötig kompliziert.

Bodenaushub: der große Brocken

Mit rund 38 Millionen Tonnen jährlich ist Bodenaushub der größte einzelne Abfallstrom der österreichischen Bauwirtschaft. Er macht 57 Prozent des gesamten österreichischen Abfallaufkommens aus. Technisch könnten rund 90 Prozent davon verwertet werden. Tatsächlich werden derzeit nur 21 Prozent stofflich genutzt, während knapp 60 Prozent auf Deponien landen.

Der Rest verschwindet nicht einfach, sondern wird statistisch weder der Deponierung noch der Verwertung zugerechnet. Gründe können Lagerveränderungen oder eine spätere Zuordnung zu einer anderen Abfallbehandlung sein. Gerade bei diesem Strom sieht die Studie erheblichen Handlungsbedarf bei den rechtlichen Rahmenbedingungen. Zusätzlich seien Förderungen nötig, damit neue Verwertungswege nicht schon an der ersten Kostenrechnung scheitern.

Mehr regulatorischer Spielraum, praxistauglichere Qualitätskriterien für Recyclingbaustoffe und eine klarere Zuordnung der Materialströme könnten helfen. Derzeit wird Bodenaushub überwiegend downgecycelt, beispielsweise als Untergrundfüllung. Das Material ist also da – nur bleibt sein Wert oft auf der Strecke.

Bauteile nicht vorschnell zu Abfall machen

Die systematische Wiederverwendung ganzer Bauteile wird bisher nur selten eingesetzt. Dabei zeigen die untersuchten Referenzprojekte, was möglich wäre: Durch Re-Use wurden CO₂-Einsparungen von bis zu 91 Prozent erreicht. Wiedergewonnene Materialien waren teilweise rund 20 Prozent günstiger als neue Produkte. Auch bei den Lebenszykluskosten zeigen sich Einsparpotenziale: Kreislaufoptimierte Gebäude können über ihre gesamte Lebensdauer günstiger sein als konventionell errichtete Gebäude.

Besonders viel bringt die Wiederverwendung von Primärkonstruktionen und tragenden Bauteilen, weil dort die größten Materialmengen liegen. Vor einem Abriss wären standardisierte Re-Use-Prüfungen sinnvoll. Ein verpflichtender Gebäuderessourcenpass könnte dokumentieren, welche Materialien und Bauteile vorhanden sind. Dazu kommen soll eine standardisierte Zertifizierung von Re-Use-Bauteilen, damit Planer, Bauherren und Firmen nicht jedes Mal bei null anfangen.

TU Wien und STRABAG nennen außerdem verbindliche Zirkularitätskriterien in der öffentlichen Beschaffung, Förderungen für Forschung und Pilotprojekte sowie mehr Spielraum bei der Verwertung von Bodenaushub. Das klingt nach Verwaltungssprache, entscheidet in der Praxis aber darüber, ob ein Bauteil wieder eingebaut wird oder im Container landet.

Der größere Blick: Energie, Daten und Material

Weltweit zählt die Bauindustrie zu den größten Energieverbrauchern. In der EU verursacht sie fast 40 Prozent der Emissionen und rund ein Drittel des gesamten Abfalls. Nur etwa 40 Prozent der Bauabfälle werden recycelt oder wiederverwendet. Das Austrian Institute of Technology, kurz AIT, arbeitet deshalb mit Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik an Lösungen für eine Kreislaufwirtschaft im Bauwesen.

Das AIT unterscheidet drei Ebenen: Energiezirkularität meint das effiziente Management von Energieflüssen einschließlich der Logistik. Informationszirkularität nutzt Daten, um Entscheidungen zu verbessern. Materialzirkularität zielt auf geschlossene Materialkreisläufe, weniger Abfall und eine bessere Nutzung vorhandener Rohstoffe.

Eine einheitliche Lösung gibt es dabei nicht. Standortbedingungen und vorhandene Bausubstanz entscheiden mit. Gefragt sind Gebäude, die schon für Rückbau und Wiederverwendung geplant werden, Recyclingverfahren für Baumaterialien, digitale Datenmanagement-Systeme und neue zirkuläre Geschäftsmodelle. Das Interesse an solchen Konzepten ist in den vergangenen Jahren gestiegen, während der Einsatz von Sekundärmaterialien weiterhin gering bleibt und der Verbrauch von Primärmaterialien zunimmt. Ein etwas widersprüchliches Bild – aber ein reales.

Für die Verbreitung braucht es mehr Recyclingzentren und spezialisierte Rückbauunternehmen, Schulungsprogramme und Zertifizierungen für Akteure der Bauwirtschaft sowie angepasste Finanzierungs- und Versicherungsmodelle. Das AIT erprobt dafür unter anderem Pop-up Labs auf Baustellen, Echtzeitsimulationen im City Intelligence Lab und interdisziplinäre Methoden zur gemeinsamen Entscheidungsfindung.

Auch auf europäischer und nationaler Ebene gibt es bereits Leitplanken: Der Circular Economy Action Plan fördert Ressourceneffizienz und Dekarbonisierung im Bausektor. Die Abfallrahmenrichtlinie (WFD) nennt eine Wiederverwertungsquote von 70 Prozent für Bau- und Abbruchabfälle. EPBD und EED zielen auf die Dekarbonisierung des Gebäudesektors bis 2050. Level(s) bietet einen europäischen Bewertungsrahmen für nachhaltige Gebäude, die neue Bauprodukteverordnung 2024 eine Nachhaltigkeitsbewertung von Bauprodukten.

Hinzu kommen die österreichische Kreislaufwirtschaftsstrategie mit ihrem Fokus auf Ressourcenschonung und Materialeffizienz im Bauwesen sowie die Kreislaufwirtschaftsstrategie der Stadt Wien für lokale Maßnahmen einer nachhaltigen Stadtentwicklung und zirkuläres Bauen. Wissenschaft und Praxis sollen diese Ansätze systemisch in der Bauwirtschaft verankern – ein großes Wort, das auf der Baustelle dann bei Lieferscheinen, Bauteilpässen und sauber getrennten Materialien ankommt.

Zum AIT-Angebot zählen auch eine kostenoptimale Auslegung komplexer Energieversorgungsanlagen unter Einbeziehung von Strom, Wärme, Wärmepumpen und Lebenszykluskosten sowie innovative Energiekonzepte mit gekoppelten thermischen und elektrischen Systemen, dezentraler Erzeugung und Speicherung, etwa durch Photovoltaik und Batteriespeicher.

Beim Inbetriebnahme-Test, dem Controller-In-The-Loop-Verfahren, werden Regelstrategien für die Gebäudeautomatisierung früh am digitalen Regler-Prüfstand geprüft und verbessert. Das soll Inbetriebnahmezeiten, Betriebsprobleme und Kosten reduzieren und zugleich die Nutzerzufriedenheit erhöhen. Monitoring und Betriebsoptimierung setzen Data Analytics, maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz ein, um die Effizienz zu kontrollieren, Fehler zu erkennen und Verbesserungsmaßnahmen abzuleiten.

Genannt werden in diesem Zusammenhang die Projekte PowerPack Immobilie II, metaTGA und MetabuildingLabs. Noch steht auf vielen Baustellen der Bagger im Mittelpunkt. Künftig könnte es ebenso wichtig sein, was in den digitalen Unterlagen steht, bevor der erste Löffel Erde bewegt wird.