Rhein bei Kaub auf null: Niedrigwasser bringt Baustofflogistik und Lieferketten ins Wanken
Der Rhein führt bei Kaub im Mittelrheintal praktisch kein Wasser mehr: Der Pegel ist auf 0 Zentimeter gefallen. Noch am Freitag, 25. September, waren dort 2 Zentimeter gemessen worden – ebenfalls ein Rekordtief. Am Donnerstag hatte der Wert zunächst 2 Zentimeter betragen, am Freitagmorgen war er nach Angaben der Zeit wieder auf 5 Zentimeter gestiegen. Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes muss noch prüfen, ob der aktuelle Wert tatsächlich einen neuen historischen Tiefstand darstellt; vorläufige Daten deuten darauf hin.
Für die Schifffahrt klingt „null“ dramatischer, als es die Messung allein erklärt. Der Pegelstand ist ein Referenz- und Berechnungswert, nicht die tatsächliche Wassertiefe. In der Fahrrinne bei Kaub befindet sich weiterhin etwa ein Meter Wasser – der Rhein liegt dort gewöhnlich ungefähr einen Meter tiefer als der angezeigte Pegelwert. Die Pegelstände werden an dieser Stelle seit dem 19. Jahrhundert erfasst. Wegen unterschiedlicher Nullpunkte lassen sich die Werte verschiedener Messstellen allerdings nicht direkt miteinander vergleichen.
Zwischen Koblenz und Bingen wird es eng
Ab einem Pegelstand von 77 Zentimetern ist die volle Fahrrinnentiefe gewährleistet. Unter 40 Zentimetern wird der Gütertransport wirtschaftlich kaum noch rentabel. Zwischen Koblenz und Bingen ist die Strecke für große Frachtschiffe faktisch nicht mehr befahrbar; bei Kaub können größere Schiffe nicht mehr durchgehend fahren. Ein offizielles Fahrverbot gibt es zwar nicht. Die wirtschaftlichen Folgen fühlen sich für viele Unternehmen aber ähnlich an.
Die Schiffe, die noch unterwegs sind, nehmen nur einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung mit. Die verfügbare Fahrrinnentiefe ist eingeschränkt und nimmt mit weiter sinkenden Pegeln ab. Schiffsführer müssen sie bei Niedrigwasser besonders genau kennen. Für Baustoffe, Kohle, Getreide, Benzin und Heizöl wird das zum handfesten Problem: Güter müssen teilweise auf Lkw und Bahn umgeladen werden, während die Frachtraten steigen.
Der Rhein ist eine der wichtigsten europäischen Wasserstraßen für Rohstoffe und Ölprodukte, darunter Benzin. Das seit Monaten andauernde Niedrigwasser bringt die Logistik ordentlich aus dem Takt. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, beschreibt den Rhein für die meisten Transporte faktisch als in zwei Abschnitte geteilt. Die Folge: Ineffizienzen im Transport, Schwierigkeiten in den Lieferketten und zusätzlicher Druck auf die deutsche Wirtschaft. Die Einschränkungen könnten dazu beigetragen haben, dass die deutsche Industrieproduktion im Juli um 1,1 Prozent gegenüber dem Vormonat zurückging.
Auch weiter nördlich sinken die Werte
Am Niederrhein geht die Entwicklung in dieselbe Richtung. In Düsseldorf fällt der Pegel unter null; für Samstag wurde ein Wert unter dem bisherigen August-Rekord von minus 1 Zentimeter prognostiziert. In Duisburg-Ruhrort könnte der bisherige Tiefststand von 129 Zentimetern am Samstag unterschritten werden.
In Köln lag der Pegel am Freitag bei 49 Zentimetern. Der bisherige Rekordwert von 45 Zentimetern könnte am Montag wieder erreicht werden. In den folgenden Tagen werden an mehreren Messstellen in Nordrhein-Westfalen historische Tiefstände erwartet. Ein kleiner Stolperstein beim Vergleichen: Die jeweiligen Pegelnullpunkte sind unterschiedlich, die Zahlen dürfen also nicht einfach nebeneinandergestellt werden.
Der Deutsche Wetterdienst stufte den Sommer als den zweitwärmsten seit Beginn der Messungen in Deutschland ein. Niedrigwasser und Waldbrände traten vielerorts als Folgen der hohen Temperaturen auf. Für Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und die Schweiz wird in den kommenden Tagen kein nennenswerter Regen erwartet. Die Gletscherschmelze ist beendet, die Böden sind trocken und saugen Niederschlag rasch weg. Regional steigen die Temperaturen wieder auf über 30 Grad – viel zu warm, wenn man auf einen kräftigen Schluck Wasser für den Rhein wartet.
Teureres Heizöl, angespannte Lieferketten
Nach Einschätzung der Bundesanstalt für Gewässerkunde ist derzeit keine nachhaltige Entspannung der Niedrigwassersituation absehbar. Die für die erste Oktoberwoche vorhergesagten Niederschläge könnten immerhin vorübergehend für Entlastung sorgen. Bis dahin könnte der Pegel bei Kaub weiter sinken und bald ebenfalls in den negativen Bereich fallen.
Für Verbraucher kann das spürbar werden: Heizöl und Kraftstoff könnten zu Beginn der Heizsaison teurer werden. Besonders beim Heizöl kommt zum ohnehin saisonal wachsenden Bedarf die schwierige Versorgung über den Rhein hinzu. Jeder zusätzliche Umladevorgang kostet Zeit und Geld, und irgendwo landet die Rechnung dann doch – an der Tankstelle, bei der Spedition oder auf der Baustelle.
Die vier am Rhein gelegenen Bundesländer Hessen, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz forderten mehr Bundesmittel für den Erhalt der Wasserstraßen. Wasserwege müssten neben Straßen und Schienen stärker in der Verkehrspolitik berücksichtigt werden. Das Niedrigwasser macht dabei nicht nur eine einzelne Engstelle sichtbar, sondern legt offen, wie abhängig Rohstoff- und Öltransporte von einem funktionierenden Fluss sind.
Als Ursache gilt die extreme Dürre. Solche Extremwetterereignisse werden durch den Klimawandel häufiger und intensiver. Der Pegel bei Kaub bleibt damit nicht bloß eine Zahl auf einer Anzeigetafel, sondern ein tägliches Rechenproblem für Schiffsführer, Lieferketten und Betriebe, die auf Kohle, Getreide, Baustoffe, Benzin oder Heizöl warten.
Berichtsstand ist der 26. September 2026. Die Angaben der ergänzenden Meldung wurden unter anderem von dpa und Reuters verbreitet; ihr Berichtszeitpunkt war der 31. August 2026, 19:00 Uhr.
